Obwohl ich jetzt schon stark auf die 50 zugehe, spüre ich immer noch die Folgen der seelischen Grausamkeiten, die mir meine Mutter angetan hat.
"Ich mich auf dich gefreut? Ich habe dich auf dem Müllplatz gefunden und mitgenommen." "Du bist geistig behindert, wer unterhält sich da gerne mit dir?" "Wer gibt sich denn mit einem Krüppel ab? Du fällst doch jedem nur zur Last." "Welcher Mann soll sich ausgerechnet in dich verlieben? Du bist hässlich, ein Krüppel und geistig unterbelichtet." Das waren die Worte, mit denen ich groß geworden bin. Und so hat sich in mir immer mehr das Gefühl des Ungeliebtseins eingegraben, weshalb ich immer stiller wurde. War jemand nett zu mir, habe ich mich an diese Person gehängt wie eine Klette, bis sie sich von mir total zurückgezogen hat. Oder ich habe den netten Mensch erst gar nicht an mich herangelassen. Zweiteres passierte immer häufiger, je älter ich wurde. Ich habe mich in eine Wartehaltung begeben - ich wollte mich niemandem aufdrängen und bin niemals von mir aus auf andere zugegangen. Aber ich war immer bereit, wenn jemand auf mich zukam. Ich wollte dadurch vermeiden, schon wieder abgewiesen oder fallen gelassen zu werden.
Schon kurz nachdem ich meinen jetzigen Exmann verlassen habe, wurde mir so nach und nach bewusst, dass ich gar nicht so unbeliebt wäre wie ich angenommen hatte. Und ich durfte die wunderbare Erfahrung machen, dass ich als Frau weitaus begehrenswerter war - und bin - als ich dachte.
Freunde, ja sie sind etwas Wunderbares! Und denen kann ich durchaus etwas zumuten. Nämlich mich. Sie freuen sich, wenn ich mich bei ihnen melde, sie freuen sich, wenn wir gemeinsam etwas unternehmen, sie freuen sich, wenn ich spontan meinen Besuch ankündige und sie freuen sich, wenn ich sogar länger bleibe wie ausgemacht. So geschehen in Wien. Ich war bei Beabl herzlich willkommen und als ich spontan entschied, drei Tage länger zu bleiben, da hat sie sich gefreut. Und meine internetten Freunde haben sich gefreut, mich nun persönlich kennen lernen zu dürfen beziehungsweise wieder zu sehen und ich weiß, dass sie sich jetzt schon auf meinen nächsten Besuch in Wien freuen.
Ich weiß schon lange, dass Freundschaft ein gegenseitiges Geben und Nehmen bedeutet, aber dennoch habe ich immer nur auf die Freunde gewartet. Auf ihre Anrufe und/oder ihre Einladungen. Ich selbst habe mich nie gemeldet - ich wollte mich niemals aufdrängen.
Jetzt mute ich mich den Freunden mehr zu - und freue mich über ihre Freude, mich um sich zu haben.
Gestern war ich wieder bei meiner Schwester. Sie brauchte mich als Kinderhüterin. Und ihre beiden Kleinen haben sich gefreut, dass ich da war. Die ganze Zeit ging es "Gisela, hier... Gisela, schau... Gisela, da..." und im Wald haben sie mir vertraut, obwohl ich ihnen gesagt habe, ich hätte mich verlaufen. Vielleicht spürten sie, dass ich nur geflunkert habe beziehungsweise, dass ich auf jeden Fall Herrin der Situation wäre.
Die Zuneigung der Kinder und ihr Vertrauen zu mir erfüllt mich ebenfalls mit Freude. Und mit Schmerz. Dem Schmerz darüber, wieviele Chancen mir im Leben entgangen sind, nur weil ich mich den anderen niemals zumuten wollte. Ich bin weitaus liebenswerter als meine Mutter mir vermittelt hatte. Mein Kopf weiß das schon lange, aber mein Herz hat es noch gar nicht so richtig erfasst. Aber ich bin lernfähig und aufnahmebereit...
Heute haben wir im Gegensatz zu gestern strahlenden Sonnenschein - einfach wohltuend herrlich! Dieser Sonnenschein kommt meiner psychischen Verfassung sehr zugute...
Gestern Mittag war ich in Esslingen bei meiner Frauenärztin. Zur alljährlichen Vorsorgeuntersuchung. Die Ärztin hat nun festgestellt, dass sich meine Gebärmutter vergrößert hat. Sie tut mir ab und zu auch immer wieder weh. Es ist nicht sehr schmerzhaft, aber einfach nur lästig. Meine Ärztin hat mir etwas von Verwachsungen und Gebärmutter entfernen gesagt, aber das nur im schlimmsten Fall. Ich solle in einem halben Jahr wieder kommen.
Kann mir jemand etwas Positives dazu sagen? Für Hiobsbotschaften ist in einem halben Jahr noch Zeit...
Gestern hat mir der junge Mann an der Kasse noch das Katzenstreu ins Auto getragen. Er war so um die zwanzig herum. Um so mehr erstaunt war ich, als er mir sagte, dass er diese Tage an mich gedacht hätte. Einfach so, weil ich schon länger nicht mehr dort einkaufen gewesen sei.
Ich freue mich immer darüber zu erfahren, dass jemand wieder einmal an mich gedacht hat. So auch neulich, als ein lieber Freund die Wartezeit auf dem Wiener Bahnhof ausgerechnet mit mir in seinen Gedanken verbracht hat. Einfach so.
Und heute Morgen, als ich nach etwas Bestimmtem suchte, fiel mir das hier abgebildete Büchlein in die Zehen. Es enthält sogar eine persönliche Widmung. Eine liebe Freundin hat sich damit schon vor einigen Jahren für unsere Freundschaft bedankt. Diese Freundschaft besteht schon seit knapp 16 Jahren und ich wünsche mir, dass sie nie enden möge.
Wen das Büchlein interessiert, es ist von Rainer Haak.
Dieses Beispiel habe ich speziell für die Freundin, von der ich das Büchlein geschenkt bekommen habe, ausgesucht.
Und Du, liebe Ehefrau in spe , die mich vor allem gegen Ende des letzten Jahres in meinem Kummer und meinen Tränen gestützt und getröstet hast, für Dich sind diese treffenden Zeilen gedacht.
Und diese Seite aus Rainer Haaks Büchlein ist für alle meine Freunde, auch Ihr internetten, gedacht. Danke, dass es Euch gibt!
Wie schon erzählt habe ich gestern die "Na und?"-Reaktion der Mutter irre klasse gefunden. Die meisten Mütter ziehen ihr(e) Kind(er) mit einem "Pssst" weg und dann wird getuschelt. Mir ist das ehrlich gesagt meistens ganz recht, denn ich will nicht jeden Tag über meine Behinderung Rede und Antwort stehen.
Aber manchmal muß ich eingreifen. So wie vor ungefähr fünfzehn Jahren. Da habe ich mit meinen damals kleinen Kindern eine ehemalige Nachbarin, eine Türkin, besucht. Ihr kleiner Junge, damals vierjährig, hat seine Mutter auf türkisch etwas gefragt und mich dabei mit riesengroßen verwunderten Augen angeschaut. Mir war sofort klar, was er von seiner Mutter wissen wollte. Aber ihre Antwort war mir total schleierhaft, denn es fiel in ihrer langen Erklärung immer wieder das Wort "Papa". Da habe ich sie gefragt, wie sie denn nun den Grund meiner Behinderung ihrem Sohn erklärt und was denn mein Vater damit zu tun hätte. Ihre Antwort hat mich aus den Socken gehauen: "Weißt du, der Kleine begreift das mit den Tabletten noch nicht, deshalb habe ich ihm gesagt, dass du als Kind nicht brav warst und da hat dir dein Vater die Arme abgeschlagen und im Wald vergraben."
Wer legt denn fest, wer oder was sexy/erotisch ist? Was ist pervers? Ist der Mann pervers, der nur schlanke, zierliche Frauen bevorzugt? Oder der, der eher mit molligen Damen liebäugelt? Ist das Paar pervers, das sich den sado-masochistischen Spielen hingibt?
Pervers (lat. perversus = verkehrt, falsch, schlecht) wird es für mich, wenn einer der Partner sich unwohl fühlt bei dem, was der andere von ihm erwartet. Genauso falsch ist es meiner Meinung nach, den Partner nur noch auf ein bestimmtes Merkmal reduziert zu sehen und nicht mehr den ganzen Menschen. Ich denke da gerade an den Mann, der nur eine Partnerin mit einem ganz bestimmten Merkmal bevorzugt. Dabei nimmt er in Kauf, dass die Frau charakterlich nicht zu ihm passt und letztendlich beide in der Beziehung unglücklich sind. Ja, die Frau ist auch unglücklich, denn sie ist offensichtlich nicht in diesen Mann verliebt, aber sie zieht das glücklose Nebeneinander einer möglichen Einsamkeit vor.
Nochmal zu meiner Eingangsfrage. Wer legt fest, wer oder was sexy/erotisch ist? Jeder Mensch sehnt sich danach geliebt und begehrt zu werden. Jeder Mensch möchte für seinen Partner einzigartig und liebens-wert sein. Und jeder Mensch fühlt sich für seinen Partner nicht hundertprozentig gut genug. Dabei gibt es für jeden Typ Mensch einen "Lieb-haber".
Am einfachsten haben es die "schönen" Menschen, denn sie finden jederzeit einen Partner. Aber auch die weniger Schönen finden ihren Deckel.
Eigenartig wird es, wenn es um behinderte Menschen geht. Behinderte sind bedauernswerte Geschöpfe. Man möchte nicht mit ihnen tauschen.
Unbegreiflich die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die gerade einen Arm- oder Beinstumpf attraktiv finden. Oder einen Rollstuhl. Oder Krücken. Für mich ist das in Ordnung. Es ist genauso in Ordnung wie den prallen Po, die langen Haare, das süße Lächeln, die Art zu gehen zu lieben. Gerade diese Merkmale machen einen Menschen für seinen Partner einzigartig. Wenn ich weiß, dass mein Partner mich und gerade meine Sonderheiten liebt, dann bin ich mir inmitten von hundert Claudia Schiffers und noch mehr Naomi Campbells seiner absolut sicher! Ein schönes Gefühl!
Das Ganze hat übrigens auch einen Namen: Die Menschen, die gerade behinderte Menschen attraktiv finden, nennt man Amelotatisten (griech. a = nicht, melos = Glied). Hier findest Du mehr Wissenswertes zu diesem Thema.
Schade finde ich, dass sich viele Amelos ihrer Neigung schämen. Noch schader finde ich, dass viele Behinderte den Amelotatismus als pervers empfinden. Aber ich kann es nachvollziehen. Vielen bereitet die Vorstellung Unbehagen, dass gerade das, was man selbst ablehnt, für jemand Anderen attraktiv sein soll.
Schönheit liegt im Auge des Betrachters! Also hören wir auf, den Partner davon überzeugen zu wollen, dass er nicht normal sei, wenn er gerade unsere mollige Figur oder unsere dicke Knubbelnase oder unsere zu prallen/schlaffen Brüste oder unser schüchternes/lautes Wesen oder unsere Behinderung so sehr mag. Lernen wir einfach, uns selbst zu lieben. So wie wir sind. Denn gerade so ist jede/r einzelne von uns einzigartig!
Tja, Leute, seit Samstag beschäftigt mich wieder einmal die Frage, wieviel von mir ich auf Bildern im Netz zeigen möchte. In einem Punkt kann ich sie ganz klar beantworten: Im Bikini oder gar nackt wird man mich im I-Net nie finden - es sei denn, Matze... Nein, Matze wird nicht!
Spaß beiseite! Diesen Blog habe ich begonnen, um in erster Linie die Verständigung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zu fördern. Mir war und ist es wichtig zu zeigen, dass ich vor allem ein Mensch bin wie jeder andere auch. Ich will erreichen, dass man mich nicht als bedauernswertes Geschöpf oder als bewundernswertes Wesen mit besonders viel Kraft und Über-Lebenswillen sieht, sondern als eine stinknormale Frau, die genauso tickt wie jede andere Frau auch.
Zur Verständigung gehört für mich auch der gegenseitige Austausch. Mir ist es wichtig, dass Ihr Euch traut, auch Fragen zu stellen, denn ich weiß, dass es noch immer Menschen gibt, die bei einer Begegnung mit behinderten Menschen Unbehagen und Ängste verspüren. Auf meiner Über...-Seite seht Ihr eine kleine Sammlung von Euren Fragen. Manchmal kann ich die eine oder andere Frage nicht in Worten beantworten. Da muß dann ein Foto her. Prinzipiell bin ich nicht kamerascheu, denn es dient ja der Aufklärung.
Am 19. Februar diesen Jahres hatte ich schon am Morgen über einhundert Besucher in meinem Blog, was mich sehr wunderte. Ein Blick in meinen Counter zeigte mir, woher sie alle kamen... Menschen, die Menschen mit meiner Behinderung toll, sexy, geil oder was-auch-immer finden, haben sich zu einer Gruppe im Internet gebildet und jeder, der im I-Net Bilder von behinderten Menschen findet, macht die Gruppe darauf aufmerksam.
Ich habe mich in diesem Forum angemeldet und mich dort ein wenig umgeschaut. Diesen Artikel (wer kein englisch versteht, der bemühe doch bitte den Übersetzer von Google) habe ich gefunden - und nun wusste ich, woher plötzlich so viele Besucher kamen. Dann der Schreck: alle Fotos aus meinem Blog, auf denen auch nur Teile von mir zu sehen sind (so wie das Bild mit den orangefarbenen Zehensocken), waren dort im Forum ohne mein Wissen, geschweige denn mein Einverständnis!!! in einem Ordner gesammelt und für die Mitglieder dieser Gruppe zu sehen.
Man muß sich das einmal vorstellen! Als die Mitglieder dieser Gruppe plötzlich alle meinen Blog heimsuchten, zählte mein Counter mehrere hundert Besucher. Normal ist eine Zahl von um die einhundertfünfzig Lesern.
Prinzipiell habe ich nichts dagegen, denn wenn doch, dann müsste ich diesen Blog sofort löschen!
Aber ein Mitglied dieser Gruppe machte sich die Mühe und kopierte alle Fotos, auf denen ich irgendwie drauf bin, stellte sie ins Forum und reißt mich somit aus meinem Leben/Alltag losgelöst heraus. Mehrere hundert Menschen, wohl meist Männer, schauen sich dann diese Bilder an, ergötzen sich an ihnen... eine furchtbare Vorstellung! Da werde ich doch zur Ware! Ja, Ware, denn mit solchen Fotos lässt sich natürlich auch Geld machen!
Ich hatte übrigens den Inhaber des Ordners gebeten, alle meine Fotos sofort zu löschen, was er umgehend tat. Er hat sich bei mir auch entschuldigt; ihm war wohl nicht bewusst, dass die Bilder einem Copyright unterliegen und dass mit dem Mitnehmen der Fotos auch eine Persönlichkeitsverletzung vorliegt.
Bilder, auf denen Personen zu sehen sind, stelle ich sehr ungern ins Netz. Wenn doch, dann nur in bestimmten Zusammenhängen und ich frage die Betreffenden vorher um Erlaubnis. Bilder von mir selbst blogge ich je nach momentaner Gemütsverfassung, aber immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass da Leute wie die Geier hinter diesen Bildern her sind.
Ich wünschte, ich könnte total darüber stehen. Ich wünschte, meine Einstellung wäre die: Sollen die doch mit meinen Bildern machen, was sie wollen - Hauptsache, ich als Person werde respektvoll behandelt. Aber irgendwie kann ich die Naturvölker verstehen, die der Meinung sind, dass man ihnen beim Fotografieren die Seele raubt.
Bitte sagt mir, wie Ihr darüber denkt. Ich zeige Euch nämlich gerne auf Bildern, wie ich manches mit den Füßen mache, aber ich kann nicht verhindern, dass sie zweckentfremdet "mißbraucht" (mir fällt kein besseres Wort ein. Sorry!) werden. Also muß ich meine innere Einstellung dazu ändern, oder?
Am Sonntag habe ich an zwei liebe Frauen jeweils eine eCard geschickt und bis jetzt noch keine Antwort erhalten. Die eCards wurden noch nicht einmal abgeholt.
Von der einen Frau kann ich mir denken, dass sie im Moment viel um die Ohren hat. Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass sie sich noch melden wird.
Die andere aber, eine ganz liebe Freundin, scheint untergetaucht zu sein. Im Sommer hat sie mir über die Pläne, gemeinsam mit ihrem Freund eine Wohnung zu kaufen, erzählt. Danach riss der Kontakt leider ab.
Am Sonntag habe ich sie angerufen, aber es meldete sich eine ältere Frau, die keine Frau namens S. kannte. Dann habe ich ihr die eCard geschickt. Wenn meine Freundin nicht gerade in Urlaub ist, hätte sie spätestens gestern morgen meine eMail abgeholt.
Heute mittag habe ich meiner Freundin eine SMS geschickt - und bekam eben Antwort von einem Mann, der mir mitteilte, mich nicht zu kennen.
Ich gehe nun davon aus, dass meine Freundin wenigstens ab und zu in meinem Blog liest. Deshalb möchte ich sie bitten, sich bei mir zu melden.
Engelbert hat sich gestern in seinem Kalenderblatt an das Unglück auf der Flugshow in Ramstein erinnert und wie er es damals erlebt hatte.
Nun, ich kann mich auch noch daran erinnern. Ich hörte den Bericht vom Unglück im Radio, aber ich war nicht sehr betroffen, erlebte ich doch gerade mein eigenes Unglück.
Ein paar Tage vorher hatte ich erfahren, dass ich schwanger bin. Meine Lieblingstochter war da gerade einmal 10 Monate alt und ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder Panik bekommen sollte bei dem Gedanken an zwei Kinder im Wickelalter!
Die Frauenärztin untersuchte mich per Ultraschall und fragte mehrmals nach, wann denn meine letzte Periode gewesen sei. Meinen Berechnungen nach hätte ich in der 8. Schwangerschaftswoche sein müssen, aber die Ultraschallbilder ergaben, dass ich höchstens in der 5. Woche wäre.
Die Ärztin schaute sehr ernst drein und meinte, es sei alles noch zu früh, um irgend etwas sagen zu können, ich solle eine Woche später wiederkommen. Sollten Blutungen eintreten, solle ich sofort ins Krankenhaus gehen.
Am Abend des darauffolgenden Tages setzten tatsächlich leichte Blutungen ein. Mein damaliger Mann war nicht erreichbar, also rief ich meinen Bruder an, der mich ins Krankenhaus fuhr.
Meine Tochter gab ich meiner Nachbarin in die Obhut.
Im Krankenhaus wurde ich untersucht und wieder danach gefragt, ob ich mir sicher sei, in der 8. SW zu sein. Dann riet man mich zur strengsten Bettruhe und dass man erst am Montag weitere, genauere Untersuchungen anstellen könne.
Also verbrachte ich einsam im Krankenhaus mein Wochenende. Ich freute mich nun doch auf das Baby und so schwankte ich zwischen Hoffen und Heulen und versuchte mich mit Lesen und Radio hören abzulenken.
Einmal ging auf einem Toilettengang ein großer Klumpen ab. Ich erschrak, klingelte nach der Schwester, die mich total aufgelöst heulend vorfand. Die Schwester beruhigte mich mit der Erklärung, dass durch das ständige Liegen das Blut zu großen Brocken verklumpen würde und dass das eben mit Sicherheit kein Abgang gewesen sei.
Während dieser schrecklichen Warterei im Krankenhaus hörte ich also auch Radio und erfuhr von dem furchtbaren Unglück, das in Ramstein passiert war. Ich war bestürzt - aber nur solange, bis die nächste Nachricht kam. Meine Welt bestand nur noch aus mir und meinem kleinen Zweibettzimmer im Krankenhaus, in dem ich alleine lag. Mir und meinem Baby, das man mir noch nicht ansah, dessen Strampeln ich noch nicht spürte. Aber es war für mich dennoch da. Wir waren zu zweit! Aber mein Baby war in höchster Gefahr!
Mein Exmann sah, wie ich litt, aber er stand dem Ganzen hilflos gegenüber.
Als werdende Mutter stellt man sich sofort nach Bekanntwerden der Schwangerschaft auf dieses Wir-Gefühl ein.
Der werdende Vater hingegen weiß zwar, dass er bald einen weiteren Esser mitversorgen darf, aber das Vater-Gefühl stellt sich beim Mann erst ein, wenn er den runden Bauch seiner Frau sieht und die Bewegungen des Babys spürt. Deshalb konnte mein Exmann nie nachvollziehen, warum ich so sehr litt. Wie kann man denn etwas verlieren, was noch gar nicht da ist?
Am Montag dann endlich wurde ich wieder mit Ultraschall untersucht und mit den Untersuchungen von vor dem Wochenende verglichen. Dabei stellte man fest, dass das Baby in meinem Bauch das Wochenende über gar nicht weitergewachsen war.
Ich weiß noch, wie ich mit den Tränen kämpfte bei dem Gedanken ein totes Baby in mir zu tragen, aber der Arzt redete immer weiter, riet mir zur Ausschabung, die am nächsten Tag vorgenommen wurde.
Es war eine furchtbare Zeit für mich. Eine Zeit voller Wut, Trauer und - Einsamkeit. Als eine Schwester, die zum Kissenaufschütteln hereinschaute, mich wieder einmal heulend vorfand, meinte sie nur: "Ach was hamm\'Se denn! Sie sind ja noch sooo jung, Sie können noch viele Kinder haben..." Ich war sprachlos! Sagt mal einer zu einem kinderreichen Ehepaar, das gerade ein Kind durch einen Unfall verloren hat, dass es doch noch so viele andere Kinder hätte...
Ab und zu denke ich noch an das Kind und stelle mir vor, wie es wäre, drei Kinder im Abstand von eineinhalb und zwei Jahren zu haben, aber es tut nicht mehr weh. Ich weiß nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen gewesen wäre, aber ich bilde mir ein, ich hätte nun außer meinem Mädchen noch zwei Jungs.
Mit meinen Kindern habe ich einmal darüber gesprochen, dass sie noch ein Geschwisterchen zwischen sich hätten und sie beide waren von diesem Gedanken irgendwie be-/gerührt.
Nur mein Exmann und ich haben nie ein Wort über das verlorene Kind gesprochen - erst recht nicht nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus. So einsam kann man sich in einer Ehe fühlen...
Mit meinem gestrigen Eintrag über die Kassiererinnen wollte ich eigentlich nur deutlich machen, dass der Mensch wohl dazu neigt, sich für andere Gedanken zu machen und nach Lösungen von vermeintlichen Problemen zu suchen.
Zum Beispiel waren mein Süßer, eine Freundin und ich einmal in einem netten Lokal. Dort haben wir uns jeder einen Snack bestellt, ich wollte nur einen kleinen Salat.
Die Bedienung (was für ein schrecklich unpersönlicher Begriff für einen Menschen, der sich um das Wohlergehen der Gäste bemüht!) legt meinem Süßen und unserer Freundin schon mal das Besteck hin, macht Anstalten wieder weg zu gehen, dreht sich dann plötzlich zu mir um und fragt: "Äääääh, essen Sie auch mit Besteck?"
In einem Restaurant hat mich ein Ober ungefähr das Gleiche gefragt, nachdem ich ein Steak bestellt hatte.
Leute, ich kann verstehen, dass man angesichts der Tatsache, dass da zwei Hände fehlen, ins Grübeln kommt und sich plötzlich vor einem Problem stehen sieht. Ein aus der Sicht eines Menschen mit Händen sicherlich unlösbares Problem.
Wäre es denn aber nicht einfacher, wenn der andere die Lösung "meines Problems" mir überlassen würde? Könnte ich nicht unterschreiben bzw. keine Geheimzahl eingeben, würde ich nicht mit EC- oder Visa-Karte bezahlen. Würde mein Süßer mir mein Steak nicht schneiden, würde ich bei der Bestellung nachfragen, ob man mir das Fleisch in der Küche schon mundgerecht zuschneiden könne - oder ich würde mir etwas bestellen, das man nicht kleinschneiden muß.
Beim Italiener hat mich der Kellner mal gefragt, ob er mir die Spaghetti kurzgeschnitten bringen dürfe, damit ich sie mit einem Löffel essen könne. Ich habe gespielt entrüstet abgelehnt - und dann hat er fasziniert zugeschaut, wie ich die Spaghetti ohne Mithilfe eines Löffels auf meine Gabel gewickelt habe. Er hat ganz begeistert gemeint, dass ich wie eine echte Italienerin Spaghetti essen würde, denn Italiener brauchen auch keinen Löffel dazu.
So, nun wisst Ihr, dass Behinderte sich durchaus allein zu helfen wissen oder um Hilfe bitten - oder sich erst gar nicht in die Situation begeben, in der sie nicht zurecht kommen würden. Ein Nichtschwimmer bleibt doch auch dem tiefen Wasser fern...
Habe ich Euch schon einmal erzählt, dass ich im Kloster war? Nein, habe ich noch nicht. Aber das werde ich jetzt tun.
Ich war 18 Jahre alt, in der 12. Klasse und irgendwie orientierungslos, was mein damaliges und - aus der damaligen Sicht betrachtet - zukünftiges Leben betraf. Zu dieser Zeit bin ich fast jeden Abend in eine Kneipe gegangen, in der ich mich sehr wohl fühlte. Im großen und ganzen waren immer die gleichen Leute da, aber ab und zu kamen auch neue Gäste herein. Und diese "belaberten" mich dann meistens, dass sie mich bewundern würden, weil ich trotz meiner Behinderung ausgehen, lachen würde/ fröhlich wäre. Auch alte Bekannte kamen manchmal mit solchen Sprüchen. Mich nervte das (und nervt noch heute!)! Ich sage ja auch nicht zu den Dicken oder weniger Intelligenten oder denen mit einer krummen Nase oder krummen Beinen, dass sie ob ihres Mutes, trotzdem unter die Leute zu gehen, zu bewundern wären!
Ich fing an mich immer öfter zu betrinken.
Heute denke ich, dass meine Mutter es gemerkt und gerochen haben muß, aber sie hat dazu nie etwas gesagt. Vielleicht war sie in diesem Punkt einfach rat- und hilflos.
Eines Sonntags (meine Mutter bestand damals noch auf allsonntägliche Kirchgänge) wurde in der Messe von Meditationstagen für Jugendliche in einem Kloster vermeldet. Meine Mutter hat mich dort angemeldet. Mir war zum damaligen Zeitpunkt eh alles egal, also beschloss ich, da zwar hin zu fahren - aber reden wollte ich dort mit niemandem!
Zwei junge Leute aus meiner Gemeinde fuhren ebenfalls dorthin in das Kloster und nahmen mich mit.
Naja, schon auf der Hinfahrt taute ich auf. Die beiden waren nett, stellten keine dummen Fragen und so hatten wir drei eine lustige Fahrt in Richtung Ravensburg.
Das Kloster St. Erentraud lag total abgelegen mitten im Grünen.
Ich weiß nicht mehr, wie lange die Meditationstage gingen... ich glaube, vier Tage.
In diesen wenigen Tagen wurde natürlich auch über mich und meine Behinderung gesprochen, aber zum 1. Mal hörte ich, dass ich als Behinderte nicht nur eine "Last" für meine Mitmenschen wäre, die für jede dargebotene Hilfe dankbar sein müsse, sondern dass ich ebenso einiges zu geben hätte. Und das tat gut! Ich hatte also auch Rechte und einen sinnvollen Platz in der Gesellschaft! Diese Erfahrung tat mir so gut! Und genauso, endlich zu wissen, welchen Berufsweg ich einschlagen könnte.
Die Tage vergingen viel zu schnell. Aber die Kursleiterin, eine Nonne, mit der ich dann einige Jahre Briefkontakt pflegte, schlug mir vor, ein paar Monate später nach St. Ottilien zu kommen, denn da würde sie mit einem Mönch zusammen diesen Kurs nochmals leiten.
Also fuhr ich wieder in ein Kloster - ins Kloster St. Ottilien im Bayerischen.
Dort lernte ich die Mönche kennen. Ich erfuhr, dass sie durchaus keine abgehobenen, weltfremde Heilige sind, sondern Menschen mit Lastern (ein Mönch rauchte Kette) und Macken, wie wir alle auch. Sie konnten sogar sexistische oder religiöse Witze erzählen!
Ich liebte es, dort zu sein, denn dort wurden wir Kursteilnehmer an unsere Grenzen geführt und wir erfuhren, wo unser wundester Punkt war, den wir aber nicht wahrhaben wollten und mit allem möglichen einfach verdrängten. Wir wurden aber in diesen unseren dunkelsten Stunden von den Mönchen wieder aufgefangen und sehr intensiv betreut. Das haben sie super hingekriegt und am Abreisetag war jeder von uns wie neu.
Solche Kurse wurden mehrmals im Jahr angeboten - und so fuhr ich auch zwei Jahre lang mehrmals im Jahr hin.
Dort im Kloster erlebte ich die Gottes- und Nächstenliebe so wie ich es mir vorstelle. Jeder wurde von den Mönchen so angenommen wie er war. Unter uns Jugendlichen gab es auch Protestanten und sogar Atheisten, aber keiner von ihnen wurde mit Zwang bekehrt. Die Mönche akzeptierten die andersartigen Meinungen. Sie waren nie Führer, sondern immer nur Wegbegleiter!
Die beiden Klöster bieten übrigens heute noch Kurse an - auch für Erwachsene. Ich muß unbedingt mal wieder hin fahren. In beide Klöster, denn seit meinem ersten Klosterbesuch hat sich mein Leben zum Positiven gewendet. Und dafür bin ich meiner Mutter ausnahmsweise mal dankbar.