Matze hat von seiner Mutter zum Geburtstag eine Digitalkamera* geschenkt bekommen. Obwohl sie den Typ der Wunschkamera* wusste, hatte sie sich in die von Samsung verliebt und gekauft. Matze erklärte ihr, dass er mit seiner Fuji bereits eine ähnliche Kamera wie die, die seine Mutter ihm geschenkt hat, hat. Sie bleibt bei der Meinung, dass sie ihm ein schönes Geschenk gemacht hat. Sie ist auch der Meinung, dass Matze sich eigentlich sehr über das Geschenk freuen würde - wäre da nicht ich.
Matzes Mutter meint, dass ich Matzes Seele geraubt hätte und die Familie zerstören würde.
Meiner Meinung nach ist es unerheblich, ob eine Frau einem Mann schadet oder nicht. Die Hauptsache ist doch, dass er mit ihr glücklich ist und eine - selbstlose - Mutter freut sich dann mit ihm. Das Recht, sich ins Leben ihrer Kinder einzumischen hat sie jedenfalls überhaupt nicht. Aber wie kann man ihr das klarmachen? Matze muß jetzt jedenfalls umlernen. Statt sich vor seiner Mutter zu rechtfertigen, muß er ihr einfach Grenzen setzen.
Er will sich die Zeit nehmen, gemeinsam mit seiner Mutter einen Psychologen/Psychiater aufzusuchen. Seine Begründung ihr gegenüber: sie beide haben miteinander ein massives Kommunikationsproblem, das nur noch ein Fachmann lösen kann. Die Mutter hat eingewilligt. Ungern zwar, aber immerhin...
* Keine Garantie, dass die mit Sternchen versehenen Links die von mir erwähnten Kameras tatsächlich darstellen.
Gestern waren wir, also Matze und ich und meine beiden Kinder, bei meinem Vater. Das Schöne war, dass zum ersten Mal alle meine Geschwister ebenfalls dort waren. Ja, mein Vater hat es sehr genossen, alle seine Kinder mit deren Kinder um seinen Tisch sitzen zu haben. Nun, zwei seiner Enkelkinder haben gefehlt. Aber auch nur, weil sie bei den Ex-Schwiegerkindern meines Vaters leben und diese leider den Kontakt unterbinden.
Natürlich haben wir auch über das Weihnachten, wie wir es als Kinder erlebten, gesprochen. Meine beiden Brüder wollen heute kein Weihnachten mehr feiern, weil sie dieses Fest einfach nur in schrecklicher Erinnerung haben. Gut, der eine Bruder hat keine Familie, aber der andere ist ja mit einer Frau verheiratet, die bereits ein Kind hat.
Ja, an Weihnachten hatten wir es als Kinder mit unserer Mutter nicht einfach. An Heiligabend hat meine Mutter schon früh morgens den Staubsauger und den Putzeimer geschwungen. Das war für uns Kinder immer Stress pur, denn dann wussten wir, dass meine Mutter dabei übelst gelaunt war. Immer hat sie während ihrer Putzaktion irgend ein Spielzeug gefunden, was ihrer Logik nach nicht sein durfte, denn wir hatten schon Tage vorher alle unsere Sachen komplett aufräumen müssen. Hat meine Mutter also ein Spieldingens gefunden, dann rief sie in einem sehr beherrschten Befehlston nach dem Eigentümerkind und zeigte nur mit dem Kinn oder den Augen zu dem Corpus delicti. Ihr Gesicht war dabei sehr streng, ihre Lippen eng zusammengepresst. Schlimmer war es, wenn in einer Spielzeugschublade oder auf der Kommode ihrer Meinung nach Chaos herrschte. Sie kippte dann alles auf den Boden und dann musste das Kind, dem die Sachen gehörten, alles blitzschnell und ordentlich wieder aufräumen.
Wenn sie in ihrem Putzwahn zu sehr frustriert war... der Baum musste ja noch aufgestellt und geschmückt werden. Manchmal fehlte für das Abendessen die eine oder andere Zutat, also auch noch schnell einkaufen... dann schrie sie herum, dass wir böse Kinder seien und ihr nur Arbeit verursachen würden. Sie unterstellte uns sogar böswillige Absicht! Und mein Vater, der war in ihren Augen eh kein guter Vater. Er ist nämlich meist geflüchtet, weil er ihren Anforderungen sowieso nie gerecht wurde. Leider ging er immer ohne uns Kinder. Natürlich war er zur Bescherung wieder zu Hause. Aber bevor er gegangen ist, hat er mit uns Kindern den Baum geschmückt. Meine Mutter konnte auch da nie ihren Mund halten...
Ja, so ging es dann den ganzen Tag. Meine Mutter hat geputzt, gekocht und dabei nur geschimpft und beleidigt.
Aber punkt drei Uhr, wenn wir meine Oma, ihre Mutter, kurz besucht haben, da war gute Laune befohlen! Von da an hatte Friede, Freude, Eierkuchen zu herrschen! Dieser Friede hielt an bis nach den Feiertagen. Dann kam aus meiner Mutter der Frust wieder heraus: Wir hätten ihr das Falsche geschenkt. Oder ihr "neenee, ihr braucht mir nix zu schenken" hätten wir doch gar nicht so wörtlich nehmen sollen. Ja, nun wusste sie plötzlich, dass wir sie gar nicht lieb hätten. Dass wir sie wohl lieber tot sähen und sie wüsste ja, dass unser Vater eine Geliebte hätte, die nur darauf warte, ihren Platz einzunehmen. Nein, mein Vater hat seine Frau während der Ehe nie betrogen!
Mein erstes Weihnachten mit Kind war genauso schrecklich. Ich hatte die gleichen Erwartungen wie meine Mutter - und fiel in ihre Rolle! Die Wohnung sah aus und musste bis in den hintersten Winkel gesäubert werden! Fürs Abendessen musste auch noch eingekauft werden! Und dann das quengelige Kleinkind. Der Vater des Kindes lag auf dem Sofa. Der Fernseher lief und er las in einer Zeitschrift. Ich war frustriert. Wütend, denn ich habe alles allein gemacht: Wohnung geputzt, eingekauft, Abendessen zubereitet. Irgendwann hat sich mein Exmann bequemt, den Plastikbaum aus dem Keller zu holen, aufzustellen und zu schmücken.
Erst nach jenem Weihnachtsfest habe ich gelernt, meine Erwartungen herunterzuschrauben. Und vor allem jede "Panne" gelassen hinzunehmen. Und zuzulassen, dass sich die Kinder auch an Heiligabend streiten. Nein, Stress gibt es bei uns keinen mehr. Erst recht nicht, seit ich mich vor sechs Jahren von meinem Exmann getrennt habe...
Dass ich gestern nach dem Besuch bei Matzes Mutter so deprimiert war, lag vor allem daran, dass sie mich jedesmal an meine eigene Mutter erinnert.
Ein Besuch bei oder von meiner Mutter war für mich ebenfalls jedesmal stressig. Meine Mutter unterliegt zwar keinen Zwängen und Ritualen, die ihr Halt und Stütze im Alltag geben sollen, aber den einen Zwang, sich Zuneigung erkaufen und verdienen zu müssen, den hat sie auch.
Zu meiner Mutter habe ich jetzt schon seit gut zehn Jahren jeden Kontakt abgebrochen, denn ich hatte es satt, dass...
... sie immer das letzte Wort haben wollte.
... sie mir meinen Schilderungen bestimmter Situationen nie geglaubt hat. Mit wem alles ich angeblich schon im Bett gewesen sein soll - das geht auf keine Kuhhaut mehr.
... sie für mich Entscheidungen getroffen hat, weil ich ja sooo unselbständig sei. Meine Einwände dazu ignorierte sie einfach.
... sie sich persönlich zurückgewiesen fühlte, wenn ich nicht essen wollte. Für sie war es klar, dass ich Hunger hatte und wenn ich nicht (auf)essen wollte, dann war es für sie Beweis genug, dass sie beim Kochen gemurkst hatte oder - noch schlimmer - dass ich sie nicht lieb hatte.
... sie sich das Recht, mich und ihre Enkeltochter zu besuchen, immer durch Putz- und Wäschewaschaktionen "verdienen" musste. Wenn ich ihr gesagt habe, sie soll sich doch jetzt einfach zu mir setzen und mit mir Kaffee trinken, dann war ihre Antwort immer, dass dann jeder über sie lästern würde, weil sie bei ihrer behinderten Tochter nur faul auf dem Ar... sitzen würde.
Am meisten hatte ich es satt, dass meine Mutter eine sehr geringe Meinung über mich hatte. Einerseits war sie stolz darauf, dass ich studiert und sogar einen Diplom erlangt habe, aber andererseits waren alle meine Gedanken und Meinungen, die sie und ihr Verhalten kritisch beleuchteten, ihrer Meinung nach nicht meine eigenen, sondern mir ganz klar von meinem Vater und meinem jetzt Exmann eingebleut worden. Ich hatte nie die Chance, mich gegen sie durchzusetzen. Mir blieb damals nur die eine Möglichkeit, ihr komplett meinen Rücken zuzukehren. Natürlich hat sie jedem erzählt, dass mein Vater und mein Ex es nun geschafft hätten, mich ganz von ihr wegzuziehen, aber da stand und stehe ich drüber!
Seit ich Matzes Mutter kenne, habe ich das Gefühl, dass diese mir "gutes Lehrmaterial" abgibt. Ich sehe jetzt auch, dass Matzes Mutter sich viel heftiger an ihren Sohn klammert als meine Mutter es mit mir tat. Also müsste es mir doch leichter gelingen, meine Mutter zu "erziehen".
Wenn Matze seiner Mutter sagt, dass er sie nicht sehen will, überhört sie es und steht trotzdem wie angekündigt auf der Matte. Sagt Matze, dass er gar nicht da sein würde, dann wartet sie mehrere Stunden vor dem Haus auf ihn. Haben wir im Krankenhaus und kurze Zeit danach mitgemacht, bis Matze wieder arbeiten ging. Dann erst fühlte sich seine Mutter wieder von der Pflicht der fast täglichen! Krankenbesuche befreit.
Habe ich meiner Mutter gesagt, dass ich sie nicht sehen kann oder will, dann blieb sie weg. Aber sie war stets schwer beleidigt, was bei mir wiederum schwere Gewissensbisse ausgelöst hatte. Natürlich habe ich mich bei ihr entschuldigt und sie nicht mehr weggeschickt. Mit dem Ergebnis, dass ich Bauchweh bekam, wenn sie sich wieder einmal ankündigte. Ein Teufelskreis.
In letzter Zeit denke ich wieder öfter an meine Mutter. Sie ist ja nicht mutwillig so "gemein" zu mir, sondern sie ist wie Matzes Mutter einfach nur eine Gefangene ihrer Phantasien und gestörten Wahrnehmungen. Und sie ist lernfähig.
Als Kind ist die Mama ja immer eine tolle Superperson ohne Fehler und Makel. Je älter man wird, desto mehr "schrumpft" die Mutter zu einem völlig normalen Menschen, an dem man plötzlich immer mehr auch die Fehler und Macken sieht.
Für mich ist meine Mutter noch mehr geschrumpft. Zu einem Häuflein Mensch, der in meinen Augen auf gesamter Linie versagt hat. Erst seit ich Matzes Mutter kenne, sehe ich, dass meine Mutter ohne Hilfe aus ihrer Misere nicht mehr herauskommt. Ich glaube, jetzt erst fängt für mich die Trauerarbeit an. Die Trauer darüber, dass meine Mutter wohl einfach nur psychisch krank ist und dass sie mir eigentlich unendlich leid tut. Aber auch die Trauer darüber, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn meine Mutter "normal" gewesen wäre bzw. dass es nun so ist wie es ist.
Ich überlege mir immer öfter, den Kontakt zu meiner Mutter wieder aufzunehmen...
Als ich gestern so ausführlich über Matzes Mutter erzählte, hatte ich eigentlich kein gutes Gefühl dabei. Schon vor einem Jahr, als Matze so lange im Krankenhaus gelegen hatte, hätte ich mir furchtbar gerne wegen seiner Mutter meinen Frust und vor allem meine Wut auf das starrköpfige Verhalten dieser Frau von der Seele geredet. Aber ich stehe auf dem Standpunkt, wenn ich gar nichts Positives über einen bestimmten Menschen zu sagen weiß, dann halte ich lieber total meine Gosche. Andererseits ist es für mich ein Unterschied, ob ich über jemanden lästere oder ob ich einfach darüber rede, was das Verhalten des Anderen in mir auslöst.
Bei Euch möchte ich mich herzlich für Eure Meinung und Ratschläge bedanken! Ergänzend zu den Beiträgen in Engelberts Rubrik Lichtblick habt Ihr uns wieder ein kleines Stück weiter gebracht. Die Idee mit dem Vorhalten des Spiegels ist gut! Die erste Anwendung werden wir noch diese Tage haben. Matze könnte ihr im Gegenzug Geld zukommen lassen verbunden mit Dankesworten an seine Mutter. So wie sie es mit ihm macht.
Für Matze ist es natürlich ein harter Kampf und er resigniert immer wieder. Für ihn ist es halt einfacher, in den alten Mustern zu bleiben als sich auf etwas Neues, Unbekanntes einzulassen. Ich kann ihn nur ermuntern und unterstützen - an seiner Mutter arbeiten und sich mit ihr auseinandersetzen muß er allein.
Ein Positives kann ich jetzt doch über Matzes Mutter berichten... sie hetzt nicht gegen mich. Im Gegenteil, sie lässt in ihren eMails fast immer Grüße an mich ausrichten! Und das, obwohl sie ja das Gefühl hat, dass ich die - in ihren Augen - wunderbare Mutter-Kind-Einheit zerstören will. Das hat sie mir am Sonntag kurz an den Kopf geworfen, nachdem Matze sich ihr wieder einmal widersetzt hatte.
Leute, ich bin zuversichtlich. Immerhin hat sich Matzes Mutter ja schon lernfähig gezeigt. Wir müssen uns einfach nur von dem Gedanken freimachen, dass man Matzes Mutter mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln geradebiegen kann.
Leute, ob ich heute außer diesem Eintrag noch mehr bringen werde, weiß ich nicht. Roswitha und Petra, Ihr habt Recht... von unserem Treffen in Plochingen möchte ich auf jeden Fall noch berichten! Und ich wollte Euch allen auch noch einiges mehr zeigen:
- Herbstimpressionen
- Ruine der Villa Moser
- Sonnenblumen
Ich habe bestimmt noch mehr Vorhaben, aber jetzt im Moment vergessen. Mein zweiter Vorname ist Engelbert! (Er hat ebenfalls tausend Ideen gleichzeitig, aber zu wenig Zeit, sie umzusetzen... )
Der gestrige Tag hat mich einfach nur erschlagen! Ich bin hundemüde. Wir sind erst heute morgen um zwei ins Bett gekommen und um sechs war für mich die Nacht wieder vorbei. Meine Kinder verlassen sich darauf, dass ich sie morgens wecke. Eigentlich kein Problem, ich mache das gerne! So habe ich mehr vom Vormittag!
Ich bin nicht nur müde, sondern ich bin außerdem noch wütend, fühle aber gleichzeitig auch Mitleid und das zusammen macht mich hilflos. Im Moment bin ich innerlich gelähmt und ich möchte am liebsten heulen. Ich bin nur froh darüber, dass ich nicht so sehr gelähmt bin, dass ich nicht mal bloggen möchte.
Wenn Ihr Zeit habt, dann dürft Ihr jetzt - oder später - gerne lesen, was gestern los war.
Wie Ihr wisst, waren wir gestern bei Matzes Mutter. Den Sommer über war sie einigermaßen erträglich, aber gestern hat sie wieder ihre gesamte Palette an Zwängen, denen sie unterliegt, ausgebreitet. Matze hat ihr einen neuen Rechner mitgebracht. Sie kann nicht einfach "Danke" sagen, nein, sie bezahlt ihn. Für die Fahrt und die Arbeitszeit. Geld für den Rechner hat sie ihm schon vor längerer Zeit einfach überwiesen. So viel, dass er ihr locker noch fünf bis sieben weitere Rechner kaufen könnte. Das kann man ihr nicht ausreden... Gefälligkeiten und Dienste werden nun mal bezahlt!
Gut, wenn man zu Besuch ist, gibt es eben Kaffee und Kuchen. Für Matze hatte die Mutter immerhin Cola da. Auch Mineralwasser. Und Milch. Extra frisch für ihn gekauft. Kabapulver hat sie auch extra gekauft.
"Putzi, magsch en Kaba?" "Nein, Mutter, ich habe Cola."
"Du, kuck doch, ich habe ganz frische Milch gekauft! Von Landliebe!" "Nein, Mutter!" kam schon etwas energischer.
"Soll ich Dir die Milch warm machen?" "Verdammt...NEIN!"
"Oder magst Du ein Stück Torte?" "Neeeiin, auch das will ich nicht. Ich will nichts!"
"Oder einen Bienenstich?" "NEIN!"
Ich erkläre der Mutter, dass der Arzt dem Matze verordnet hat, abzunehmen, sein Blutdruck sei zu hoch. Matze fügt noch hinzu, dass er mindestens zehn Kilo abnehmen müsse.
"Putzi, ich habe auch Schokolade hier." "Mutter, sag mal, willst Du mich umbringen oder was?"
"Nein, natürlich nicht! Sag Putzi, willst Du Schokolade?" "Mutter, ich will abnehmen!!!"
"Aber die Schokolade ist doch von Milka..."
Dieser Zwang, Putzi muß doch essen... Matze hat es so satt, mit seiner Mutter heile Welt zu spielen.
Die Zwänge der Mutter fangen schon mit dem Aufstehen an. Der Wecker klingelt JEDEN Morgen um halb sieben. Die Mutter setzt Kaffee auf und ruft dann Matze virtuell auf seinem Handy an, um ihm einen guten Morgen zu wünschen. Bis vor ein paar Monaten hat sie ihm tatsächlich JEDEN Morgen um halb sieben auf die Mailbox seines Handys gesprochen. Matze hat sie gebeten, das zu lassen. Half nix. Er hat ihr erklärt, er höre seine Mailbox nie ab, sie könne sich also das Geld sparen. Nix. Er hat sie angeschrien, sie möge ihn und seine Wünsche endlich wahrnehmen! War zwecklos. Erst als er ihr sagte, dass er seine Nummer ändern lassen würde, wenn sie ihm auch nur ein einziges Mal auf seinem Handy anrufen würde, das zeigte Wirkung!
Gut, sie ruft immer noch jeden Morgen auf Matzes Handy an, aber nur noch virtuell. Dann schreibt sie ihm eine Guten-Morgen-Email. Jeden Morgen! Mittags um spätestens eins muß sie wieder daheim sein... Mittags-Email muß doch noch an Matze gehen. Abends muß sie die Tagesschau anschauen, das muß sein! Sobald der Wetterbericht vorbei ist, ruft sie dem Matze an. Wenn er da ist, ist es gut. Wenn nicht, spricht sie ihm auf das Band. Und das drei bis vier Mal so alle halbe/dreiviertel bis ganze Stunde.
Wenn Matze ihr sagt, dass er an einem bestimmten Tag nicht zu Hause sein werde, sie bräuchte gar nicht anrufen - weder aufm Festnetz noch aufm Handy - dann ruft sie auf jeden Fall pünktlich nach der Tagesschau bei ihm zu Hause an - und danach auf seinem Handy. Da ruft sie ihm dann mehrmals an. Entweder Matze geht dann entnervt ran oder sie gibt doch irgendwann auf.
Die Abend-Email folgt dann auch noch jeden Abend. Darin fasst sie die Berichte der Tagesschau zusammen und anschließend erzählt sie von ihrem Tagesablauf. Jeden Abend.
Nein, diese Frau ist nicht einsam. Mit dieser Vermutung liegt Ihr falsch! Jeweils zwei oder drei Straßen weiter wohnen noch zwei ihrer Schwestern und ihre Mutter, die inzwischen auf die neunzig zugeht.
Eine der Schwestern hat uns erzählt, dass Matzes Mutter jeden Morgen zu ihrer Mutter zum Frühstücken geht. Sie nimmt da keine Rücksicht darauf, ob es der alten Frau gut geht oder ob sie ihre Ruhe braucht. Nachmittags um drei möchte die alte Frau sich für eine Stunde hinlegen, aber Matzes Mutter besteht auf Kaffee und Kuchen "bei der Mutti" um pünktlichst fünfzehn Uhr!!! Abendessen muß auf Verlangen von Matzes Mutter ebenfalls bei der Oma eingenommen werden. Matzes Tante pflegt die alte Frau, die sich kaum noch allein versorgen kann. Matzes Oma ist zur Zeit immer öfter krank und möchte ihre Ruhe. Matzes Mutter glaubt das nicht. Sie schreibt an Matze, dass "Mutti" nur simuliere, um sie, Matzes Mutter, los zu werden.
Geschenke... sie hat den Zwang, Matze mit sinn- und nutzlosem Zeugs zu beschenken. Gestern waren es ein Haribo-Adventskalender, Adventskerzen, Baumkugeln und christliche Motive zum Aufstellen und Aufhängen. Matze ist Atheist. Und natürlich Schokolade und Lebkuchen und Wurst und Kuchen. Matze sagt ihr immer wieder, dass er keine Geschenke haben wolle. Sie ignoriert das einfach. Gestern hat sie wieder den ganzen Nachmittag versucht, dem Matze die Sachen aufzuschwatzen. Manchmal schmuggelt sie das eine oder andere irgendwie in seine Sachen mit hinein, denn Matze nimmt nun immer nur ein Geschenk an und lässt alles andere liegen.
Auch direkt an Matzes Geburtstag lässt sie es sich nicht nehmen, ihn persönlich zu besuchen und zu beschenken. Ungeachtet dessen, dass er seinen Geburtstag eh am nächsten Tag mit der Verwandtschaft und somit auch mit ihr feiern wird. Sie steht da wie unter Zwang. Sie muß Matze alle Geschenke, die sie mit dabei hat, überreichen. Was er damit macht, ist ihr egal. Er hat schon Geschenke vor ihren Augen zerstört und in den Papierkorb geworfen - es lässt sie kalt. Auf meine Frage, ob ihr das denn nicht weh täte, sagte sie nur, dass sie ihm die Sachen geschenkt hätte, er könne damit nun machen, was er wolle...
Und ich... ich leide nun auch unter einem Zwang... dem Zwang, den Deckel an Matzes Mutters Kopf aufzuklappen, hier ein lockeres Schräubchen fest anziehen, da ein Käbelchen geraderücken - und schon funktioniert das Hirn von der in Zwängen gefangenen Frau wieder.
Das Hirn einfach nur updaten... wie bei Data... geht das nicht?
Ich bin wütend, wütend auf meine Mutter. Und auf die Tränen, die mir über mein Gesicht laufen. Sie hat mich wieder angeschrien, wie dumm ich doch wäre und dass sie sich für mich schäme.
Jetzt ist sie in der Küche und ich höre sie mit dem Geschirr hantieren. Sie hat die Küchentür zu gemacht, aber das ist mir egal, denn ich will sie eh nicht mehr sehen. Nie mehr! Ich weiß doch selbst, dass ich dumm und hässlich bin, aber muß sie denn deswegen jedesmal so sehr ausrasten und mich anschreien? Muß das sein?
In mir schimpfe ich mit meiner Mutter, real würde ich es nie wagen. Real fange ich nur zu heulen an, was sie aber jedesmal noch wütender macht und dann schreit sie mich noch mehr an, schreit, dass ich mich wie ein kleines Kind, das geistig behindert sei, benehmen würde.
Nun, jetzt ist sie ja in der Küche und spült. Und ich habe meine Ruhe - bis zum nächsten Mal.
Au Mist! Ich muß auf die Toilette. Aber ich kann das doch nicht allein. Mir muß man die Hosen herunter ziehen und dann wieder hoch.
Aber ich bin mit meiner Mutter gerade sauer, will sie mit Nichtbeachten bestrafen. Meine Geschwister sind nicht da. Sie haben Freunde und mit denen hängen sie jetzt draußen herum. Mist, dann muß ich wieder klein beigeben!
Aber was, wenn sie so wütend auf mich ist, dass sie mich noch zusätzlich bestraft, indem sie mir die Hilfe auf der Toilette verweigert? Außerdem will ich nicht, dass sie mich anfasst, denn ich bin ebenfalls wütend auf sie. Warum nur bin ich so sehr auf Hilfe angewiesen, von ihr abhängig?
Diese und ähnliche Situationen aus meiner Kindheit und Jugendzeit sind mir in letzter Zeit wieder eingefallen. Ich habe nämlich eine Frau kennen gelernt, die schwer spastisch gelähmt ist. Ihr Oberkörper ist mehr davon betroffen als ihre Beine. Ihre Spastik ist so heftig, dass man sie füttern muß und auch beim An- bzw. Auskleiden benötigt sie Hilfe.
Diese Frau ist verheiratet und ihr Mann erleichtert ihr den Alltag, wo er nur kann.
Trotzdem weiß ich, dass eine Partnerschaft, in dem der eine behindert und der andere nicht behindert ist, sich nicht wesentlich von Partnerschaften zwischen zwei nichtbehinderten Menschen unterscheidet. Man liebt sich, unternimmt Gemeinsames in der Freizeit. Auch die Aufgaben im Haushalt sind je nach Fähigkeiten verteilt.
Und man streitet sich ab und zu, ist sauer aufeinander. Oder gekränkt. Man geht sich aus dem Weg, will den anderen für eine Weile nicht sehen, geschweige denn ihn spüren. In "normalen" Beziehungen ist das ja kein großes Problem. Wenn man sich wieder beruhigt hat, kann man sich dem Partner langsam wieder nähern.
Ist aber einer der beiden auf die Pflege des Partners angewiesen, dann muß man sich irgendwie arrangieren.
Ich habe mir erst während meines Studiums den Anziehstab erworben. Seitdem bin ich von jeglicher Pflege unabhängig, was mir vor allem während meiner Ehe sehr zugute kam. Und erst recht, nachdem ich mich von meinem Exmann getrennt hatte. Diese Unabhängigkeit ist mir sehr wichtig geworden und ich hoffe, dass sie mir noch lange erhalten bleibt.
Als ich 14 Jahre alt war, trug mein Vater nach einem erneuten wüsten Streit meiner Eltern ein altes Bett, das auf unserem Dachspeicher gelagert war, und ein paar Kartons mit seinen Kleidern und seinen anderen persönlichen Sachen in sein Auto. Es war fast Mitte Dezember. Abends, denn es war draußen schon dunkel. Mein Vater lief hin und her, um seine Habseligkeiten in sein Auto zu bringen. Meine Mutter lief ihm ständig hinterher, schrie, heulte und drohte ihm mit Scheidung und einiges mehr.
Ich war völlig irritiert, hatte Angst, denn meine Mutter drohte unter anderem auch mit Mord und Selbstmord. Mein Vater trug nur stetig und schweigend seine Sachen in’s Auto.
Auf meine Frage, was denn los sei, erklärte er, dass er mit unserer Mutter nicht mehr länger leben könne und daher sich ein Zimmer in der Stadt gemietet hätte. Selbstverständlich könnten wir Kinder ihn jederzeit besuchen.
Meine Mutter verbot meinen Geschwistern und mir den Umgang mit meinem Vater… dem Hurensohn, dem Schweinehund, wie sie ihn nun immer nannte. Sie drohte uns an, dass wir gleich bei ihm einziehen könnten und sie jeden Kontakt mit uns abbrechen würde, sie drohte uns, uns umzubringen, sollten wir es je wagen „diesen Hurensohn“ zu besuchen. Mein Vater erwirkte das Besuchsrecht daraufhin gerichtlich.
Nun hatte meine Mutter eine andere Taktik: sie erzählte uns all die von meinem Vater angeblich begangenen Verfehlungen und Schandtaten und fragte uns dann mit einem drohenden Unterton, ob wir denn mit so einem Schweinehund etwas zu tun haben wollten…
Für mich war es die Hölle. Ich hing doch sehr an meinem Vater, dennoch war meine Mutter meine zentrale Bezugsperson.
Damals konnte ich mir noch nicht vorstellen, dass meine Mutter log. Ich glaubte ihr jedes Wort und wandte mich von meinem Vater ab. Erst recht, als meine Mutter mir suggerierte, dass mein Vater nur deshalb mit uns wöchentlich in’s Schwimmbad gehen würde, um mich beim Umziehen (ich brauchte ja Hilfe) befummeln zu können. Ich konnte mich nie an so eine Situation erinnern, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Mutter dermaßen ungeheuerlich lügen würde. Ich fing an, an meinem Verstand zu zweifeln.
Um diesen ganzen Druck aushalten zu können, brach ich den Kontakt zu meinem Vater komplett ab.
Als er plante, wieder zu heiraten, lud er auch mich zur Hochzeit ein. Er ließ mir durch meinen Bruder ausrichten, dass er zwar keine große Hoffnung hätte, dass ich seine Einladung annehmen würde, aber dennoch würde er sich riesig freuen, wenn ich mit meiner kleinen Familie käme.
Ich habe die Einladung trotz (Selbst-)Morddrohungen seitens meiner Mutter angenommen.
Als ich mit meiner Lieblingstochter (mein Exmann musste als Selbständiger arbeiten) vor dem Rathaus vorfuhr, kam mir mein Vater entgegen. Ich konnte seine riesengroße Freude in seinen Augen sehen und in seiner Stimme hören.
Mein Vater und ich hatten etwa 10 Jahre keinen Kontakt zueinander. Seit seiner Hochzeit besuche ich ihn zwar ab und an, aber es ist leider keine innige Beziehung.
Ich weiß auch nicht, wie ich ihn ansprechen soll. Opa vielleicht? Aber er ist der Opa meiner Kinder. Als Kind habe ich ihn immer Papa, Papi oder Daddy genannt. So kann ich ihn heute nicht mehr nennen. Ist mir zu nah, zu vertraulich, wo er mir doch nun so fern ist. Ihn einfach bei seinem Vornamen nennen erscheint mir zu unpersönlich. Heute spreche ich ihn nach Möglichkeit nicht mehr an und wenn doch, dann auf schwäbisch mit Vadder. Aber das macht mich traurig, denn immerhin ist er mein Vater…
Ehepaare wissen gar nicht, was sie ihren Kindern antun, wenn sie sie in ihren Trennungs- und Scheidungskrieg mit reinziehen.
Mein Exmann hat es anfangs, als ich mich von ihm trennte, auch versucht, aber nach einem eindringlichen Gespräch konnte ich ihm schnell klar machen, dass sogenannte Scheidungskinder nicht durch die Scheidung selbst traumatisiert werden, sondern durch das feindselige Verhalten der sich Trennenden. Ehepaare müssen sich bewusst sein, dass sie sich zwar als Paare bis auf\'s Blut bekriegen können, aber dass sie für ihre Kinder immer Vater und Mutter bleiben. Sie müssen ihre Rollen als Ehepaare und die Rolle der Eltern komplett trennen. Solange beide das Wohl der Kinder und nicht ihr eigenes Wohl vor Augen haben, wird ihnen das Auseinanderhalten ihrer Rollen nicht gar so schwer fallen...
A Mother is not a person to lean on
but a person to make leaning unnecessary.
Diese Worte der Amerikanerin Dorothy Fisher, die übersetzt lauten...
"Eine Mutter ist nicht jemand zum Anlehnen, sie macht es unnötig, jemanden zum Anlehnen zu brauchen." ...kann man nicht nur als eine Hommage an die Mutterrolle betrachten, sondern gleichsam auch als Leitgedanke für die Aufgaben einer Mutter.
Aber als frisch gebackene Mutter lehnte ich den Muttertag ab. Ich war an diesem Tag übelst gelaunt und innerlich total zerrissen. Ich erinnerte mich da immer an meine Kindheit und wie meine Mutter von mir und meinen Geschwistern Geschenke und Aufmerksamkeit als Zeichen unserer Dankbarkeit erwartete. Sowohl an Muttertag als auch an ihrem Geburtstag als auch an Heiligabend durften wir Kinder uns nicht streiten, mussten wir ihren Anordnungen ohne Murren und Knurren folge leisten und als wir älter und flügge wurden, hatten wir nur für sie Zeit zu haben. Dem spricht ja grundsätzlich nichts dagegen, aber wenn man keine Dankbarkeit für die Mutter empfand, wenn man lieber mit Freunden ehrlich feierte als mit der Mutter heuchlerisch.
Meine Mutter war eine Rechenkünstlerin! Nach solchen Festtagen hat sie uns immer mit einer Regelmäßigkeit vorgerechnet und aufgezählt, was wir ihr hätten alles schenken können, obwohl sie vorher immer betont hatte, dass wir ihr nichts zu schenken bräuchten, sie wünsche sich einfach nur liebe Kinder.
Meine Mutter legte sehr großen Wert auf Dankbarkeit. Aber wofür denn? Für die vielen Wutausbrüche, Schläge, Beleidigungen und Demütigungen?
Das alles ging mir jedes Jahr an Weihnachten und Muttertag durch den Kopf. Als meine Lieblingstochter mir ihr erstes selbstgebasteltes Geschenk aus dem Kindergarten heimbrachte, war es besonders schlimm. Ich legte plötzlich das gleiche Muster an den Tag wie meine Mutter, ich maulte mein Kind an von wegen jaja, am Muttertag plötzlich auf lieb Kind tun und so. Meine Lieblingstochter schaute mich ganz irritiert und traurig an, was mich zum Schweigen brachte. Ich war sehr unglücklich darüber.
Zum Glück las ich dann in ELTERN, dass ich trennen muß zwischen mir selbst als Mutter und meiner Mutter. Ich begriff, dass ich die Chance habe, es "besser" zu machen als meine Mutter und wenn mir meine Kinder etwas schenken, dann gilt das mir und nicht meiner Mutter!
Ich habe dieses Jahr von meinen Kindern zum Geburtstag nichts bekommen und ich denke, auch am Sonntag werden sie mir nichts schenken. Ich erwarte es auch nicht von ihnen. Vielleicht fehlt ihnen einfach eine Unterstützung vom Vater: Komm, lass uns der Mama was kaufen gehen.
Und - was man an seiner Mutter hat, merkt man eh erst, wenn man sie verloren hat oder spätestens, wenn man selbst Kinder hat.
Im Internet gibt es übrigens viele Seiten zum Thema Muttertag. Eine finde ich besonders witzig, die Männerseiten.
Da ist sogar ein Gedicht, mit dem ich jetzt meine Gedanken zu diesem Thema abschließen möchte.
Mütterlein - wenn es Dich nicht gäbe!
Wir wären nie gewaschen,
und meistens nicht gekämmt,
die Strümpfe hätten Löcher
und schmutzig wär\' das Hemd.
Wir äßen Fisch mit Honig
und Blumenkohl mit Zimt,
wenn Du nicht täglich sorgtest,
dass alles klappt und stimmt.
Wir hätten nasse Füße
und Zähne schwarz wie Ruß
und bis zu beiden Ohren
die Haut voll Pflaumenmus.
Wir könnten auch nicht schlafen
wenn Du nicht nochmal kämst
und uns, bevor wir träumen
in Deine Arme nähmst.
Und trotzdem! Sind wir alle
auch manchmal eine Last.
Was wärst Du ohne Kinder?
Sei froh, dass Du uns hast!!!
Bei Engelbert stieß ich auf das Thema Erpressung eines Menschen mit Selbstmordandrohung.
Das erinnert mich an meine Mutter. Auch sie hat mich lange Zeit mit Selbstmordandrohungen erpresst.
Das erste Mal kam es vor, als ich zum Studium von zu Hause auszog. Ich ging auf ihre Drohungen nicht ein, ich überhörte sie einfach - aber das schlechteste Gewissen und eine Heidenangst plagten mich. Was, wenn sie es doch täte? Ich verdrängte diesen Gedanken daran und nahm meine Mutter stattdessen mit, um mein neues Zuhause zu besichtigen und zu übernehmen. Sie gwöhnte sich schnell an die neue Situation, war sogar stolz darauf, dass ihr "Sorgenkind" nun studierte, aber gleichzeitig verließ sie sich darauf, dass ich nach Studienabschluss wieder zu ihr zurückkäme.
Bei mir im Semester war noch eine "Contifrau", durch die ich den Anziehstab kennenlernte. Endlich brauchte ich bei den Hosen keine Hilfe mehr! Ich zeigte meiner Mutter stolz meine Errungenschaft. Sie fing aber an zu weinen: "Jetzt brauchst Du mich ja nicht mehr, jetzt kann ich mich ja umbringen."
Ich bin natürlich sehr erschrocken, denn mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet. Ich habe ihr versichert, dass sie immer meine Mutter und somit für mich wichtig bleiben würde. Sie blieb stumm und ernst, hörte aber wenigsten zu weinen auf.
Als mein jetziger Exmann und ich heiraten wollten, wusste ich, wie meine Mutter darauf reagieren würde. Mein Ex und ich waren da zwar schon ein Jahr verlobt, aber meine Mutter hatte diese Tatsache nie wirklich ernst genommen. Sie mochte meinen Ex von Anfang an nicht leiden und ließ nie eine Gelegenheit aus, ihn mir gegenüber schlecht zu machen. Aber ihre Gründe gegen eine Ehe mit ihm waren für mich nicht stichhaltig und so ignorierte ich ihre "Warnungen".
Als der Hochzeitstermin feststand, habe ich ihn meiner Mutter persönlich und schonend beigebracht. Wie erwartet reagierte sie auch jetzt mit Selbstmordankündigung. Ich stellte ihr in Aussicht, dass sie ja als die Ältere von uns beiden einmal altersschwach und auch sterben würde. Da müsste sie sich doch mit mir freuen, dass ich nun "versorgt" sei. Ich habe natürlich nicht geheiratet, um ausgesorgt zu haben, aber ich hatte das Gefühl, dass ich die richtigen Worte für meine Mutter gefunden hätte.
Die Hochzeitsvorbereitungen überließ ich zum größten Teil ihr. So konnte sie sich ganz ihrem Gefühl gebraucht zu werden hingeben.
Aber als meine Tochter geboren war, wollte sie uns so oft wie möglich besuchen, nach Möglichkeit gleich bei uns wohnen, was mein Ex und ich aber vehement ablehnten. In dieser Zeit drohte sie immer häufiger mit Selbstmord und erzwang sich so die Besuche bei uns. Abends fuhr sie aber zum Glück wieder heim und wir hatten für ein paar Tage wieder unsere Ruhe.
Mein Ex machte mich darauf aufmerksam, dass sie mich nur erpressen würde, aber die Angst davor, dass sie sich tatsächlich umbringen würde, wenn ich meine Tür vor ihr verschlossen halten würde, saß tief in mir!
Ein Gespräch mit meinem Vater brachte mir endlich die Klarheit, die ich brauchte. Danke, Vater, Du hast mir sehr geholfen!
Meine Mutter hat auch meinen Vater mit Selbstmordandrohung jahrelang erpresst. Nach 15 Ehejahren hielt er es schließlich nicht mehr aus und sagte ihr, dass sie sich doch umbringen solle, wenn sie meine, das sei das einzig Richtige für sie. Schließlich sei sie alt genug dieses selbst zu entscheiden und verhindern könne er es eh nicht. Er sagte ihr auch, dass er sie durchschaut hätte und sie ihn doch nur erpressen wolle.
Genau so etwas in dieser Richtung antwortete ich meiner Mutter, als ich die Einladung meines Vaters zu seiner 2. Hochzeit gegen ihren Willen angenommen hatte. Sie: "Dann bringe ich eben dich, dein Kind, deinen Mann, deinen Vater und alle um!" Ich: "Und was bringt es dir? Du bist dann mutterseelenallein im Knast. Und jetzt hast du immer noch die Chance, dass wir dich besuchen kommen." Zu diesem Zeitpunkt hatte ich unsere gegenseitigen Besuche schon drastisch eingeschränkt.
In der darauffolgenden Nacht konnte ich vor Angst nicht schlafen, aber ich stand zu dem, was ich meiner Mutter gesagt hatte und ging auf die Hochzeit meines Vaters.
Meine Mutter lebt heute noch, genauso jeder, den sie umbringen wollte. Wäre sie wie angekündigt Amok gelaufen, hätte ich mich mit Sicherheit dafür verantwortlich und schuldig gefühlt.
Heute bin ich für mich zu folgendem Schluss gekommen:
Man muß sich in solchen Situationen wirklich überlegen, ob man für das Leid(en) und die Tat(en) des Anderen verantwortlich ist. In den meisten Fällen nicht. In den meisten Fällen ist jeder Mensch für sich und sein Leben selbst verantwortlich und es liegt an jedem selbst, seine Qualen zu beenden. Sei es durch Veränderung seiner Situation (mit oder ohne professionelle Hilfe) oder eben mit Selbstmord. Die "Betroffenen" trifft in diesem Fall keine Schuld!
Ich wusste und weiß, dass ich mit meiner Mutter, mit ihrer ewigen Jammerei und dass die anderen Schuld an ihrem jämmerlichen Dasein hätten nicht klarkomme. Ich habe mein Bestes getan, aber es hat ihr nicht geholfen. Ich kann mag nicht mehr! Und dazu stehe ich!
Ich habe ihr bei ihrer letzten Selbstmorddrohung meine Verantwortung für ihr Glück und Leid ihr übertragen. Ich habe ihr einfach gesagt, dass sie ihr eigenes Glückes Schmied sei (ihr Lieblingszitat, das sie für Andere hervorragend wusste!) und was sie aus ihrem Leben mache mich nichts angehe. Sie sei genauso erwachsen wie ich und somit genauso voll handlungsfähig wie ich und wenn ihr ihre momentane Situation nicht passe, dann müsse sie selbst diese ändern. Ich wäre bereit ihr im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen, aber sie müsse in 1. Linie aktiv werden.
Inzwischen habe ich seit 8 Jahren jeden Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen.
Sollte eines Tages ein Anruf kommen, dass meine Mutter im Sterben läge, werde ich sie besuchen. Sollte es heißen, sie sei bereits tot, werde ich zur Beerdigung gehen. Aber solange sie gesund ist, werde ich zu ihr keinen Kontakt mehr haben.
Einige Anzeichen sprechen dafür, dass sie an mehr oder weniger leichter Schizophrenie leidet, daher wird sich ihre Sichtweise der Dinge nie ändern. Ich habe einen Schlussstrich gezogen, damit ich endlich mein eigenes Leben nach meinen Vorstellungen leben kann.
Folgendes Bild verdeutlicht vielleicht meine Einstellung und meine Entscheidung:
Angenommen, meine Mutter hätte sich damals nach meinem Auszug in meine eigene Bude einem Hobby zugewandt oder wäre einem Verein beigetreten, sie hätte einen lieben Mann kennengelernt und wäre glücklich gewesen... hätte ich mich für ihre Situation verantwortlich und schuldig gefühlt? Nein! Im Gegenteil, ich hätte mich für sie gefreut und sie ihr Leben allein gestalten lassen. Unser beider Leben wären klar abgegrenzt gewesen.
Sie hat sich aber für ein einsames, passives Leben voller Gejammer und Bier entschieden. Warum soll ich mich nun verantwortlich für sie fühlen? Das, was ich ihr von mir und meinem Leben angeboten habe, reicht ihr nicht. Ihr Problem, nicht meins! Genauso wie ihr Glück allein ihr Verdienst gewesen wäre.
Wer bei Witha mitliest, weiß wie sehr sie sich aufs Oma werden freut. Sie lässt uns an der Schwangerschaft ihrer Tochter hautnah und mit Ultraschallbildern teilhaben. Finde ich Klasse! Danke auch an die Schwangere, dass sie da mitmacht!
Ich denke jetzt öfter daran, wie es denn war, als ich schwanger war und meine Erfahrungen als frisch gebackene Mutter. Meine Gefühle, meine Ängste. Einmal hatte ich einen richtig glücklichen Glücksmoment, den ich nie mehr vergessen werde und der mein Leben als Mutter entscheidend verändert hat.
Meine Mutter war die ersten 6 Wochen nach der Geburt meiner Lieblingstochter die Woche über bei mir, um mich im Haushalt und mit dem Baby zu unterstützen; an den Wochenenden war ja mein Exmann da. Babykurs und sowas war nichts für mich, denn keiner konnte mir zeigen, wie ich ein Baby baden, füttern, tragen sollte. Das habe ich mir alles selbst angeeignet.
Die ersten Wochen nach der Geburt dachte ich sehr stark, dass mein Baby lieber bei ihrem Vater oder ihrer Oma sei, die ja beide die Kleine herumtragen können, wenn sie quengelte. Irgendwie war in mir nicht das Gefühl da, dass das Baby mein Baby sei.
Einmal hat die Kleine (inzwischen etwa 1/4 Jahr alt) wieder gequengelt, aber sie war gerade frisch gestillt und gewickelt. Weder der Vater noch die Oma konnten das Baby zufrieden stellen. Die Oma lief mit dem Baby auf dem Arm durch die Wohnung, zeigte der Kleinen alles mögliche, sang Lieder - das Baby quengelte und quengelte. Schließlich drückte mir meine Mutter ganz entnervt das Baby in meinen Schoß: "Da, das ist ja schließlich dein Kind, kümmer du dich um sie!" Ich geriet in Panik in der Erwartung, dass das Baby nun erst recht losbrüllen würde, aber ......... sie schaute mich an - und strahlte mich an! Meine Mutter in einem neidischen Ton: "Die Babys merken halt schon, wer die Mutter ist, auch wenn die Oma doch viel besser zum Kind ist..." Das tat mir gut!!!
Mir wurde in diesem Moment bewusst, dass dieses Baby mein Baby ist, dass ich ihre Mutter bin! Mir wurde bewusst, dass mein Kind mich so liebte wie ich bin und dass mein Kind zwar sich gerne von der Oma verwöhnen ließ - aber nur ich durfte sie trösten! Von da an habe ich mit meiner Mutter immer häufiger um meine Tochter gestritten. Meine Mutter hatte dauernd diesen blöden Spruch drauf: "Die Kleine ist in 1. Linie mein Enkelkind, deshalb habe ich die älteren Rechte an ihr! Hätte ich dich damals nach der Geburt umgebracht wie es dein Vater und deine Oma von mir erwartet haben, dann gäbe es dich jetzt nicht und somit auch nicht dein Baby. Du hast dieses Baby also mir zu verdanken!" Und ich dachte immer, mein Exmann hatte mir die Kleine eingebröckelt...
Wie ich als Mutter bin und was mich von meiner Mutter unterscheidet schreibe ich ein andermal...